10.07.2026
Internationales Forderungsmanagement: Was Unternehmen wissen müssen
Wenn ein Kunde in einem anderen Land seine Rechnungen nicht bezahlt, stehen Unternehmen vor einer Herausforderung, die weit über eine überfällige Forderung hinausgeht. Unterschiedliche Rechtssysteme, lokale Vollstreckungsvorschriften, Sprachbarrieren und verschiedene Zahlungsmoralvorstellungen beeinflussen sowohl die Realisierbarkeit einer Forderung als auch den Weg ihrer Durchsetzung. Wer versteht, wie internationales Forderungsmanagement funktioniert, schafft die Grundlage für einen sicheren und professionellen Umgang mit grenzüberschreitenden Forderungen.
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Das Ausmaß von Zahlungsverzögerungen in Europa
Verspätete Zahlungen sind kein Randphänomen. Laut dem European Payment Report 2026 von Intrum, für den zwischen Dezember 2025 und Februar 2026 insgesamt 8.385 Unternehmen in 20 europäischen Ländern befragt wurden, ist der durchschnittliche Anteil verspätet eingehender Umsätze von 11,33 Prozent im Jahr 2025 auf 12,13 Prozent im Jahr 2026 gestiegen.
Damit liegt dieser Wert inzwischen leicht über der Schwelle von 12,08 Prozent, die Unternehmen als maximal verkraftbar einstufen, bevor verspätete Zahlungen ihre Leistung und Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigen. Das deutet darauf hin, dass sich das Thema von einer beherrschbaren Belastung zunehmend zu einem erheblichen Geschäftsrisiko entwickelt.
Diese Zahlen müssen allerdings im jeweiligen Marktumfeld betrachtet werden. Kulturelle Gepflogenheiten und unterschiedliche Zahlungspraktiken beeinflussen, was Unternehmen als akzeptabel oder tragbar betrachten. In Ungarn geben Unternehmen an, dass 14,52 Prozent ihrer Umsätze verspätet eingehen. In Frankreich und Österreich liegt dieser Wert ebenfalls bei über 14 Prozent.
Gleichzeitig ist die als nachhaltig angesehene Schwelle in diesen Ländern höher, zum Beispiel bei 14,24 Prozent in Ungarn, 14,13 Prozent in Frankreich und 13,77 Prozent in Österreich. Dies deutet darauf hin, dass höhere Quoten verspäteter Zahlungen nicht nur wirtschaftlichen Druck widerspiegeln, sondern teilweise auch etablierte Marktstandards und Erwartungen.
Die Auswirkungen gehen weit über den Cashflow hinaus. In derselben Studie gaben 57 Prozent der Unternehmen an, aufgrund verspäteter oder ausbleibender Zahlungen ihre Wachstumsziele verfehlt zu haben. 29 Prozent berichteten, dass Zahlungsprobleme Investitionen in strategische Wachstumsinitiativen innerhalb der letzten zwölf Monate behindert haben.
Darüber hinaus erklärten 62 Prozent der befragten Unternehmen, dass sie aufgrund verspäteter Zahlungseingänge ihrerseits Lieferanten später bezahlen mussten, mit den entsprechenden Kettenreaktionen als Auswirkungen entlang der gesamten Lieferkette.
Für Unternehmen mit Kunden in mehreren Ländern verstärken sich diese Herausforderungen zusätzlich. Bereits eine verspätete Zahlung im Inland kann problematisch sein. Befindet sich der Schuldner im Ausland, verlängert sich der Weg zur Lösung erheblich und erfordert deutlich mehr Spezialwissen.
Wie funktioniert internationales Inkasso?
Internationales Inkasso bezeichnet den strukturierten Prozess zur Einziehung offener Forderungen gegenüber Kunden, die sich in einem anderen Land als der Gläubiger befinden. Dabei kommen direkte Verhandlungen, lokale rechtliche Verfahren und gegebenenfalls gerichtliche Durchsetzungsmaßnahmen zum Einsatz.
Der Prozess folgt in der Regel mehreren aufeinander aufbauenden Phasen. Zunächst stehen die Kontaktaufnahme und die Verhandlung mit dem Schuldner im Vordergrund. Die meisten Forderungen werden durch direkte Kommunikation und nicht durch formelle Verfahren beigelegt. Daher ist die Qualität des Erstkontakts entscheidend.
Führt die Verhandlung nicht zum Erfolg, hängen die weiteren Handlungsmöglichkeiten von der jeweiligen Rechtsordnung sowie den Bestimmungen des zugrunde liegenden Vertrags ab.
Außergerichtliches Inkasso
Bevor rechtliche Schritte eingeleitet werden, kann ein strukturierter außergerichtlicher Inkassoprozess einen großen Teil offener Forderungen erfolgreich beilegen.
Dazu gehören typischerweise:
- Schriftliche Mahnungen
- Telefonische Kontaktaufnahme
- Vereinbarung individueller Zahlungspläne
Für viele Unternehmen kann die Angelegenheit auf diese Weise geklärt werden, ohne die Kosten und den Zeitaufwand eines Gerichtsverfahrens in Kauf nehmen zu müssen.
Rechtliche Schritte und Vollstreckung
Bleiben außergerichtliche Maßnahmen erfolglos, kann die Einleitung rechtlicher Schritte erforderlich werden. Gerade in diesem Bereich zeigt sich die Komplexität grenzüberschreitender Forderungsdurchsetzung besonders deutlich.
Jedes Land verfügt über:
- ein eigenes Gerichtssystem,
- eigene Verfahren zur Erlangung eines Titels,
- eigene Regeln zur Vollstreckung gerichtlicher Entscheidungen.
Innerhalb der Europäischen Union bietet das Europäische Mahnverfahren (European Order for Payment) einen standardisierten Weg zur Durchsetzung unbestrittener Geldforderungen zwischen Mitgliedstaaten. Nach Erlangung des Titels kann dieser ohne separates Anerkennungsverfahren in jedem EU-Mitgliedstaat vollstreckt werden.
Dadurch lassen sich Zeitaufwand und Kosten grenzüberschreitender Forderungsdurchsetzung innerhalb Europas erheblich reduzieren.
Außerhalb der EU hängt die Vollstreckung häufig von bilateralen Abkommen zwischen Staaten oder von der erneuten gerichtlichen Geltendmachung der Forderung im jeweiligen Land ab. Diese Verfahren können langwierig sein, wobei die Anerkennung ausländischer Urteile je nach Rechtsordnung stark variiert.
Internationale Handelsschiedsverfahren
Enthält ein Vertrag eine Schiedsklausel, kann die internationale Handelsschiedsgerichtsbarkeit eine attraktive Alternative zu staatlichen Gerichten darstellen.Anstatt den Rechtsweg über nationale Gerichte zu beschreiten, legen die Parteien ihren Streit einem unabhängigen Schiedsgericht vor. Entscheidungen anerkannter Schiedsinstitutionen wie der International Chamber of Commerce (ICC) oder des London Court of International Arbitration (LCIA) können auf Grundlage des New Yorker Übereinkommens in mehr als 170 Ländern vollstreckt werden.
Für Unternehmen im internationalen Handel ist es daher sinnvoll, bereits bei der Vertragsgestaltung über entsprechende Schiedsklauseln nachzudenken und nicht erst im Streitfall.
Warum ist grenzüberschreitendes Forderungsmanagement komplexer?
Im Vergleich zum nationalen Forderungseinzug erschweren verschiedene Faktoren die internationale Forderungsdurchsetzung:
Zuständigkeit und anwendbares Recht
Bevor rechtliche Schritte möglich sind, muss geklärt werden:
- Welches Recht auf den Vertrag Anwendung findet?
- Welche Gerichte zuständig sind?
Fehlen eindeutige vertragliche Regelungen, können diese Fragen selbst zum Streitgegenstand werden.
Lokale Vollstreckungsvorschriften
Ein in einem Land ergangenes Urteil ist nicht automatisch in einem anderen Land vollstreckbar. Die Vollstreckungsverfahren unterscheiden sich erheblich und bieten in manchen Rechtsordnungen nur begrenzte praktische Möglichkeiten.
Währungen und Zahlungsinfrastruktur
Grenzüberschreitende Zahlungen bringen zusätzliche Herausforderungen mit sich, darunter:
- Wechselkursschwankungen
- Einschränkungen internationaler Überweisungen in einzelnen Märkten
- Unterschiedliche Zahlungssysteme
Sprache und Kommunikation
Eine wirksame Kommunikation mit Schuldnern erfordert häufig Sprachkenntnisse vor Ort. Fehlt diese lokale Expertise, kann sich die Bearbeitung erheblich verzögern.
Verjährungsfristen
Verjährungsfristen unterscheiden sich von Land zu Land. Eine Forderung, die nach nationalem Recht noch durchsetzbar wäre, kann im Land des Schuldners bereits verjährt sein. Schnelles Handeln ist daher entscheidend.
Die Rolle eines internationalen Inkassounternehmens
Für die meisten Unternehmen ist es nicht praktikabel, internationales Forderungsmanagement vollständig intern abzuwickeln. Die erforderlichen Kenntnisse lokaler Märkte, Sprachkompetenzen und rechtlicher Besonderheiten sprechen häufig für die Zusammenarbeit mit einer international tätigen Inkassoagentur.
Eine leistungsfähige Inkassoorganisation kombiniert:
- außergerichtliches Know-how,
- Zugang zu lokalen Rechtsnetzwerken,
- Marktkenntnis in den jeweiligen Ländern.
Darüber hinaus kann sie die tatsächlichen Erfolgsaussichten einer Forderungsdurchsetzung realistisch einschätzen, bevor erhebliche Kosten entstehen.
Transparenz ist dabei von zentraler Bedeutung. Die Erfolgsquoten hängen sowohl vom Land als auch vom Alter der Forderung ab. Eine realistische Bewertung hilft Unternehmen, fundierte Entscheidungen über das weitere Vorgehen zu treffen.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Einhaltung regulatorischer Vorgaben. Inkassopraktiken sind in allen europäischen Märkten gesetzlich reguliert, wobei die Anforderungen erheblich variieren können. Die Zusammenarbeit mit einer Agentur, die lokale Compliance-Anforderungen kennt und gleichzeitig konsistente ethische Standards anwendet, schützt auch die Reputation des Gläubigers.
Fünf Fragen vor der Einleitung internationaler Inkassomaßnahmen
Bevor ein Inkassodienstleister beauftragt oder rechtliche Schritte eingeleitet werden, sollten Unternehmen folgende Fragen prüfen:
- 1. Was regelt der Vertrag?
Überprüfen Sie insbesondere:
- die Rechtswahlklausel,
- die Gerichtsstandsklausel,
- Regelungen zur Streitbeilegung.
Diese Bestimmungen bestimmen maßgeblich die verfügbaren Handlungsoptionen. - Wie alt ist die Forderung?
Ältere Forderungen lassen sich in der Regel schwieriger realisieren. Zudem könnte die Verjährungsfrist bereits abgelaufen sein. Je früher gehandelt wird, desto besser sind die Erfolgsaussichten. - Welche Informationen liegen zum Kunden vor?
Aktuelle Informationen wie:
- Anschrift,
- Kontaktdaten,
- Hinweise zur finanziellen Situation
haben erheblichen Einfluss auf den Erfolg und die Strategie der Forderungsbeitreibung. - Steht der Forderungswert im Verhältnis zu den erwarteten Kosten?
Gerichtsverfahren können in manchen Ländern kostenintensiv sein. Bei kleineren Forderungsbeträgen sind außergerichtliche Maßnahmen und einvernehmliche Lösungen häufig wirtschaftlicher als formale Verfahren. - Ist der Kunde noch geschäftlich aktiv?
Befindet sich der Schuldner in einem Insolvenzverfahren oder hat seine Geschäftstätigkeit eingestellt, verändern sich die verfügbaren Handlungsmöglichkeiten erheblich und das Verfahren wird komplexer.
Zahlungsverhalten und wirtschaftlicher Ausblick in Europa
Auch das wirtschaftliche Umfeld spielt bei der Verwaltung internationaler Forderungen eine wichtige Rolle.
Der European Payment Report 2026 zeigt, dass 47 Prozent der europäischen Unternehmen davon ausgehen, dass die Wirtschaft ihres Landes im Jahr 2026 stagnieren oder schrumpfen wird. In Frankreich steigt dieser Anteil sogar auf 55 Prozent.
Vor diesem Hintergrund melden Unternehmen in Frankreich sowie in Mittel- und Osteuropa höhere Quoten verspäteter Zahlungen als der europäische Durchschnitt.
Gleichzeitig zeigt die Studie, dass Unternehmen verstärkt präventive Maßnahmen ergreifen. Der Anteil der Unternehmen, die Vorkasse verlangen, stieg von 31 Prozent im Jahr 2020 auf 50 Prozent im Jahr 2026. Kreditprüfungen werden 2026 von 39 Prozent der Unternehmen eingesetzt, gegenüber 34 Prozent im Jahr 2020.
Diese Entwicklungen verdeutlichen, dass Kredit- und Forderungsmanagement, einschließlich der Verwaltung internationaler Forderungen – zunehmend als strategische Unternehmensaufgabe und nicht lediglich als administrativer Prozess verstanden wird.
Die geografischen Schwerpunkte von Zahlungsrisiken zu identifizieren und darauf abgestimmte Kreditmanagementprozesse aufzubauen, ist langfristig deutlich nachhaltiger, als einzelne überfällige Forderungen isoliert zu bearbeiten.
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